Prolog

 

Schon als ich erwachte, war mir klar, dass etwas nicht stimmen konnte. Die Luft war unglaublich schwer und es muss wohl die ungewöhnliche Wärme in meinem Schlafzimmer gewesen sein, die mich geweckt hatte. Wie immer dauerte es einige Sekunden, bis ich wirklich klar sehen und mich selbst als endgültig wach akzeptieren konnte, doch was sich sah, kaum dass ich den Blick hob, ließ mich weniger an meinem Wachzustand als eher an meinem Verstand zweifeln.

Der gesamte Raum war über und über mit Rost und Blut bedeckt, nicht nur die Möbel, auch die Fenster meines Schlafzimmers waren mit einer dicken, rötlich-braunen Kruste dekoriert worden, sodass kein Lichtstrahl von Außen eine Chance hatte, das Zimmer zu erhellen. Einzig das schwache künstliche Licht im Raum machte das wenig ästhetische Zeug erkennbar und warf dafür umso dunklere Schatten, wo es nur ging.

Kaum dass ich mich erhob, ließ mich ein rauer, gepeinigter Schrei heftig zusammenfahren. Ich konnte die abgehackte Männerstimme nicht orten, doch der Laut ermunterte mich nicht sonderlich, die Tür in den Flur zu öffnen und es kostete einiges an Überwindung, schließlich doch das Schlafzimmer zu verlassen, nur um kurz darauf die fest verschlossene, ebenfalls stark mit Blut verschmierte Tür des Badezimmers zu erblicken. Ich versuchte gar nicht erst, sie zu öffnen und trat stattdessen aus dem schmalen Flur in den Wohnraum des Apartments.

Abgesehen von der dicken Schicht aus dunklem Dreck, die auch hier nahezu jeden Zentimeter bedeckte und den Blick durch die Fenster komplett untersagte, hatte sich noch so einiges hier verändert. Die gesamte Einrichtung ähnelte der meinen zwar auf den ersten Blick, doch schon ein Fernseher, der nun anstelle meines Plattenspielers auf einem kleinen Tisch neben meiner Sitzbank stand und ein penetrantes, statisches Rauschen von sich gab, ließ alles komplett anders wirken. Im nebenstehenden Regal fand ich nicht nur eine ganze Reihe an Schundromanen, die zu besitzen ich mich beim besten Willen nicht erinnern konnte, sondern wurde auch von einem mir unbekannten Gerät besetzt, das ich gar nicht genauer betrachten wollte.

Somit wandte ich mich um und ließ meinen Blick langsam, ungläubig durch den Rest des Apartments schweifen, nur um Fotos von mir unbekannten Personen zu entdecken, deren Anblick mich nicht weniger beunruhigte als die dunkle Verschmutzung der Wände und Möbel. Es dauerte nicht lange, bis mein Blick an einem dunkelgrauen Fleck an der Wand hängen blieb. Das unebene Material an dieser Stelle war mir schon oft aufgefallen, doch die erschreckende Ähnlichkeit, die eine der Verputzwulste mit einem menschlichen Gesicht hatte, war mir zuvor nie derartig bewusst gewesen. Als ich ein leises Knacken hinter eben dieser Fratze vernahm, beschloss ich spontan, das Apartment schnellstmöglich zu verlassen. Kaum hatte ich jedoch die schmale Theke, die die Küche vom restlichen Bereich des Wohnraums abtrennte, hinter mir gelassen, ertönte ein tiefes Ächzen aus Richtung der Wand und die mir angeborene Neugier zwang mich zu einem Blick über die Schulter.

Ein menschlich anmutender Körper, unbestreitbar die Quelle des nun anhaltenden und leicht obszön anmutenden Stöhnens, war dabei sich langsam aus meiner Wand zu quälen und meine Beine versagten den Dienst, als es vor mir zu Boden fiel. Angesichts der ungeübt scheinenden und bisweilen doch ziemlich spastischen Bewegungen der Kreatur, hatte sie sich erstaunlich schnell wieder aufgerichtet und streckte ihre Hand nach mir aus, offensichtlich von dem tief sitzenden Drang beseelt, mich zu erreichen.

Die halb verwesten, von einer dunklen Substanz, über deren Zusammensetzung ich nun wirklich nicht genauer nachdenken wollte, überzogenen Finger des sichtlich leidenden Wesens waren nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt, als meine Sicht verschwamm. Ein dunkler Schleier legte sich über meine gesamte Wahrnehmung, nachdem ich in das Gesicht der Kreatur blickte und als meine Sicht gänzlich erlosch, als wolle sie mich vor dem Anblick schützen, hatte sich bereits eine durchdringende Taubheit in mir ausgebreitet…

~ ~ ~


Nahezu gleichzeitig erwachten wir in unserem Bett. Ein Blick und wenige Worte genügten, um uns klar zu machen, dass wir wieder einmal beide den gleichen Traum durchgemacht hatten. In den letzten fünf Tagen war dies keine Seltenheit, oft schon hatten wir in dieser Zeit sehr seltsame und meist komplett übereinstimmende Träume gehabt, die sich jedes Mal um unser Apartment in South Ashfield Heighs drehten, welches wir vor kurzem bezogen hatten.

Bedenklicher war allerdings die Tatsache, dass wir seit Beginn dieser Träume komplett von der Außenwelt abgeschnitten waren. Ein Blick aus dem Fenster zeigte uns jeden Tag das gleiche: Dass die Welt um uns herum sich in gewohnter Weise weiter zu drehen schien, doch in den Wänden des Apartments 303 herrschte seither keine Veränderung. Der Fernseher funktionierte nicht mehr, das Radio gab zwar hin und wieder die Wiederholungen einiger Nachrichten von sich, doch meist war ein statisches Rauschen die einzige Belohnung für das Anschalten des Gerätes; selbst unsere Uhr musste irgendwann unbemerkt stehen geblieben sein, was keine große Hilfe war, denn ob des derzeit ständig Wolken verhangenen Himmels in South Ashfield war es nahezu unmöglich, auch nur eine ungefähre Tageszeit auszumachen.

Das alles wäre eigentlich noch immer halb so schlimm gewesen, wären wir nur in der Lage gewesen, Raum 303 zu verlassen.

Als wir nach dem ersten gemeinsamen Albtraum in diesem Apartment erwachten, durften wir unsere Wohnungstür fest verschlossen vorfinden. Jemand hatte von Innen unzählige Ketten angebracht, die es uns absolut unmöglich machten, hinaus zu gehen. Geduldiges, stundenlanges Klopfen schienen wie jeder Hilferuf nicht nach Außen zu dringen und niemand, der an unserer Tür vorbeiging, schien auch nur zu erahnen, dass hier etwas nicht stimmen könnte.

Als letztlich auch noch irgendein Depp meinte, uns in Form von blutrotem Graffiti auf der Innenseite der Tür das Verlassen des Apartments verbieten zu müssen, ('Don’t go out! Walter') ging das ganze Theater richtig los…

An jenem Tag fanden wir ein seltsames Loch in der Wand unseres Badezimmers und beschlossen kurzerhand, den netten Hinweis Walters zu ignorieren auf diesem Wege das Apartment zu verlassen. Das Problem war nur, dass wir uns nach einer wenig bequemen Reise durch den engen Gang des Lochs zwar nicht mehr in unserer Bude wieder fanden, sondern in einer, wie sich später herausstellte, alternativen Realität, vielleicht besser als parallele Dimension zu beschreiben…

 

A. am 12.11.09 04:45

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