Kapitel 1 - Akt 5: Der dichte Wald

 

Es verging nicht viel Zeit, bis Captain Fakebeard wieder einmal eine Aufgabe für uns hatte: Laut seiner Aussage wurde vor einiger Zeit ein Forschungsteam in den Wald, zu dem Nakano trotz der atomaren Verseuchung geworden war, entsandt, um die Ursache eben dieser Kuriosität zu eruieren. Doch seitdem war ungewöhnlich viel Zeit vergangen und in Home III konnte man sich nicht erklären, weshalb die Ergebnisse dieser Untersuchung so lange auf sich warten liessen.
Logisch, dass sich für solche Laufarbeiten niemand besser eignet, als die zwei Azubis, auch wenn Bartfratze nicht einmal versuchte, uns zu verheimlichen, dass in Nakano nicht wenige Gefahren auf uns lauern würden.

Da uns Angst vor dem Unbekannten aber fern liegt und wir für einen kleinen Tapetenwechsel äusserst dankbar waren, beschwerten wir uns gar nicht erst groß und machten uns direkt auf den Weg. Wenig begeistert stellten wir fest, dass wir, um Nakano zu erreichen, dem Pfad des Versrogungscamps folgen mussten, was wiederum bedeutete, sich erneut mit dem Inugamirudel herum schlagen zu müssen, das offenbar wirklich nichts anderes zu tun hatte, als die schmale Route zu blockieren und auch nicht die Geringste Absicht zeigte, uns unbehelligt vorbei ziehen zu lassen.
Der Rest des Weges gestaltete sich weit weniger schwierig, obgleich sich uns ein paar vereinzelte grüne Pferdefeen entgegen stellten und hier und da ein paar Jack Frosts meinten, uns davon überzeugen zu müssen, dass es eine gute Idee wäre, ihre nicht vorhandene Autorität zu respektieren.

Nakano selbst bot uns letztlich wirklich eine angenehme optische Abwechslung, auch wenn es durchaus befremdlich war, statt des gewohnten Graubrauns nur noch Grün zu sehen, wohin man sich auch wandte; selbst die wilden Dämonen, die uns begegneten, kaum dass wir die ersten 100 Meter hinter uns gelassen hatten, schienen einer komplett anderen Dimension an zu gehören und auf eine sehr eigene Art und Weise tat es sogar gut, sich endlich wieder ernsthaft anstrengen zu müssen, um heil von einem Punkt zum nächsten zu gelangen.
Der permanent herrschende Nebel und die vielleicht daher rührende, extrem kurze Sichtweite erschwerten es uns merklich, die Umgebung ab zu suchen und wir durchquerten das gesamte Gebiet gleich zwei Mal, bevor wir den Leiter des Forschungstrupps fanden, welcher es sich am Rande eines weitestgehend zerstörten Gebäudes gemütlich gemacht hatte.

Dieser nette Herr war zwar nicht sonderlich hilfreich, aber wir erfuhren immerhin, dass einer seiner Gefolgsleute mit den Forschungsdaten irgendwo im dicht umliegenden Wald verschwunden war und beauftragte uns damit, noch einmal den Suchtrupp zu spielen.
Der darauf folgende zweite Anlauf dauerte vermutlich noch länger als das erste Versteckspiel und als wir den zweiten Forscher endlich gefunden hatten, waren wir drauf und dran, uns saftig in den Arsch zu beissen, denn dieser hatte sich gerade mal wenige Meter von seinem Vorgesetzten in einem Busch versteckt.
Als wir ihn auf die vermissten Forschungsergebnisse ansprachen, fürchtete ich fast, er würde sich uns direkt in die Arme werfen und komplett nass weinen. Seinem Gestotter konnten wir entnehmen, dass er während eines Rundgangs durch den Wald von einem "riesigen und furchtbar Angst einflössendem" Dämonen angefallen worden war und dabei wohl den Chip mit den Ergebnissen der Forschungen verloren hatte.
Nachdem die kleine Heulsuse uns die etwaige Richtung verraten hatte, durften wir also ein weiteres Mal durch das Gemüse latschen, das inzwischen bereits auf dem besten Weg war uns bereits eben so auf die Nerven zu gehen wie das Gebiet rings um den Suginami-Tunnel.
Nachdem wir in dem vom Jammerlappen beschriebenen Gebiet ein wenig das hohe Gras abgesucht hatten, stach Fraise ein anderer Dämonenjäger ins Auge, der nahe der Waldlichtung herumlungerte.
Dieser erzählte uns sogleich freudig, welch großes Glück er gehabt hätte, einen unglaublich wertvollen Datenträger gefunden zu haben. Breit grinsend erläuterte er, dass er ihn verkaufen werde, um seinem Traum in Form einer Wohngelegenheit in Shinjuku Babel näher zu kommen. Er musste wohl das gierige Funkeln in unseren Augen vernommen haben, denn ohne weitere Umschweife versprach er, uns den Chip für eine unverschämt hohe Summe zu überlassen.

Eine gefühlte Ewigkeit lang versuchten wir, den Preis zu drücken, doch weder Fraise gezielt eingesetzter Charme noch meine schlagenden Argumente schienen ihn wirklich zu beeindrucken, so dass wir ihm irgendwann die unverschämt hohe Summe in die schmierigen Griffel drückten und den Datenträger schnell in einer Tasche verschwinden liessen, bevor er noch auf die Idee käme, ihn uns wieder ab zu nehmen. Als der Jäger jedoch sah, wie Fraise gespielt verzweifelt in unser nunmehr vermeintlich leeres Portmoney linste, schien er tatsächlich ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Welche Worte die beiden daraufhin wechselten, bekam ich nicht mit, da ein vorbei dümpelndes Azumi kurzzeitig meine gesamte Aufmerksamkeit auf sich zog, doch als ich aus meinen Sushiträumen erwachte, hatte meine Schwester nicht nur ein äusserst zufriedes Grinsen im Gesicht, sondern auch einen Großteil des soeben ausgegeben Geldes wieder zurück erobert.
Eilig machten wir uns auf den Rückweg, bevor der seltsame Macker die Gelegenheit hatte, es sich noch einmal anders zu überlegen und das Geld doch noch zurück zu fordern.

Captain Iglo zeigte sich zur Abwechslung ernsthaft dankbar und entlohnte unsere Mühen sogar mit ein wenig Kleingeld, erwähnte aber noch in der selben Minute wie beiläufig, dass er vorhatte, uns erneut nach Nakano zu schicken, damit wir dort einem Unschuldigen zur Hand gingen, welcher dort wohl mit der Untersuchung eines Obelisken beauftragt war, der uns bereits während unserer mehrstündigen Suchaktionen aufgefallen war, da er das gesamte Gebiet in ein unwirklich anmutendes Licht tauchte und die aussergewöhnliche Atmosphäre dieses so unnatürlichen Waldes noch merklich verstärkte.

 

A. am 12.11.09 05:08

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